Die Motivation der Menschen in Protesten lässt sich meist auch ablesen von den Transparenten, den mitgebrachten Schildern, Kleidung und den Mobilisierungs-Plakaten.

In den sozialen Bewegungen der jüngsten Zeit tauchen vielerorts immer wieder gleiche oder ähnliche Motive auf, die sich von den Bildern her und im Stil sichtlich von der Bildsprache der Proteste der letzten Jahrzehnte abheben.

Wir  stellen hier Motive zusammen, die wir wiederkehrend in den Massenprotesten in Tunesien, Syrien, Spanien, Brasilien, Kanada oder der Türkei entdeckt haben, also in allen Teilen der Welt.

Zuerst ein paar Abbildungen von aktuellen Plakaten als Beispiele, die Bildmarken und Stile aufgreifen, wie wir sie bereits seit den siebziger Jahren ( und teilweise bereits seit den 30er Jahren) des vergangenen Jahrhunderts kennen. Die Motive und Poster sind dem aktuellen Zeitgeist angepasst, etwa hinsichtlich Typografie und Slogans.

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Die geballte Faust, rote Sterne und empor gestrekte Arme sind alt bekannte Motive auf linken Demos und sozialen Protesten.

 

Das Twitter-Vögelchen – Symbol einer neuen Protestgeneration?

Egal ob bei den Demonstrationen in Ägypten gegen Mubarak oder in der Türkei oder in Brasilien, können wir neben althergebrachten Motiven Neues entdecken. Etwa das Twitter-Vögelchen. Es ist längst zum Symbol für Freiheit und freie Meinungsäußerung geworden. Innerhalb weniger Jahre hat dieses Symbol die Friedenstaube in die heutige Zeit transformiert.

Generell spielen soziale Netzwerke in sozialen Bewegungen eine große Rolle. Aber es sind nicht facebook oder twitter, die als Konzerne diese fortschrittliche Rolle übernehmen. Vielmehr sind es die Möglichkeiten freierer und selbstorganisierter  Kommunikation, die Demonstrationen und Bewegungen in der ganzen Welt beeinflussen und verändern. Diese Veränderungen schlagen sich auch in den Motiven und Parolen der Proteste nieder.

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Das Twitter-Vögelchen ist Bestandteil vieler Proteste weltweit.

Bei den aktuellen Protesten in der Türkei ist uns immer wieder das Motiv des Twitter-Vögelchens mit Gasmaske aufgefallen. Angespielt wird hier auf den brachialen Umgang seitens Staat und Polizei mit den DemonstrantInnen, die ständigen Gas- und Wasserwerfer-Attacken ausgesetzt sind.

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Titel Plakat links: voices of freedom. Rechts: die bekämpfte Friedenstaube twittert sich frei.

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rechts: kreativer Protest – Twitter trifft Pacman.

Friedenstauben sind immer sichtbar in den sozialen Bewegungen. Die Illustration rechts beweist hingegen große Kreativität. Angelehnt an die türkische Flagge wird der Halbmond zu Pacman, der versucht das Twitter-Vögelchen zu fressen und vom Flug in die Freiheit abzuhalten.

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Das Twitter-Vögelchen, die neue Friedenstaube.

 

Die Guy Fawkes-Maske

Bereits seit einigen Jahren ist die Guy Fawkes-Maske wesentlicher Bestandteil in Demonstrationen und Protesten auf der ganzen Welt. Sie ist auf Plakaten und Transparenten auf allen Kontinenten und in den verschiedensten Bewegungen präsent. Gleichzeitig sieht man immer mehr Menschen, die sich mit dieser Maske verkleiden und ihrem Protest neuen Ausdruck verleihen.

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Die Guy Fawkes Maske

Viele werden diese Maske eher aus dem Kinofilm V wie Vendetta kennen, als dass Guy Fawkes ein Begriff aus der Historie ist, genauer aus dem Königreich England des 17. Jahrhunderts. Mehr Infos zur historischen Person hier.

Ein wenig scheint es so, als ob Alan Moore und David Lloyd, die die Comics V wie Vendetta (die auch Vorlage der erwähnten Verfilmung sind) erschaffen haben, ein Symbol gefunden haben, das inzwischen den weltweiten Protesten ein neues Gesicht verleiht.

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Die Guy Fawkes-Maske in den Protesten, etwa in der Türkei 2013.

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Die Guy Fawkes-Maske in den Protesten, etwa in den USA 2011 oder in Indonesien.

 

Protest und Kunst

Der radikale Umgang seitens Staat und Polizei auf Demonstationen, etwa wie derzeit in der Türkei, spiegeln sich auch deshalb in den Protesten wider, da KünstlerInnen auf sehr kreative und ausdrucksstarke Weise etwa den Einsatz von Tränengas auf friedliche DemonstratInnen beständig thematisieren. So zum Beispiel der in Brüssel lebende Künstler Ali Cabbar. Er hat seine Grafiken, mit denen er kurz nach dem Beginn der Proteste begonnen hat, der GEZI-Bewegung zur freien Nutzung überlassen. Die Werke sind auf Radikal.com.tr zu sehen.

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Protest in der Türkei / Protest-Kunst von Ali Cabbar

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Links: Zeichnung zu den Protesten in der Türkei aus türkischer Satirezeitschrift, rechts: weitere Grafik von Ali Cabbar.

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Occupy Gezi. Diese minimalistische und sehr aussagekräftige Illustration ist neuerdings häufiger bei DemonstrantInnen zu sehen!

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Die Angriffe auf DemonstrantInnen mit Tränengas spiegeln sich in den Motiven der Proteste wider.

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Auch in sozialen Protesten, etwa gegen Umweltverschmutzung wird das Motiv der Gasmaske immer häufiger aufgegriffen.

 

Neue Protestformen 

Aufgrund des brutalen Vorgehens der Polizei ist unter türkischen DemonstrantInnen eine etwas andere Protestform entstanden: ein „stehender Mann“. Sein stiller Protest hat längst seine Nachahmer gefunden. Prompt schlägt sich das Bild dieser Protestform in den Bildern und Motiven der DemonstrantInnen nieder. Sie stehen still mit Guy Fawks Masken und auf Plakaten ist er zu sehen, der stehende Mann.

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Der stehende Mann und seine Nachfolger

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Ein Symbol für den stillen Protest, eine Schaufensterpuppe.

 

Occupy und 99 Prozent

Seit der Occupy Wall Street- Bewegung 2011 wird immer wieder die Parole „we are the 99 percent“ aufgegriffen in Protesten auf allen Kontinenten. Die gefundenen Formen sind sehr vielfältig – eine Parole geht um die Welt. In den unterschiedlichsten Protesten wird sie von Menschen aufgegriffen.

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„We are the 99 percent“

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Die gesammelten Bilder und Motive spiegeln bei weitem nicht die Proteste insgesamt, und nicht die Verschiedenheit von Protestkulturen wider. Aber sie sollen zeigen, dass veränderte Protestbewegungen, die unter anderem stark mit sozialen Medien verknüpft sind,  auch neue Bilder, Motive und neues Design hervorbringen.

 

Hier geht es zu einigen kritischen Gedanken von uns; Konsum kritisch beleuchtet, bzw. eine Kritik der Warenästhetik.