In gut einem Monat finden die Europawahlen 2014 statt. Bereits in der letzten Woche hat ReadMe den damit verbundenen Wahlkampf zum Anlass genommen, einmal ein paar Wahlplakate genauer unter die Lupe zu nehmen. Wie bereits betont, unternehmen wir dabei den Versuch, die Parteien, wofür sie so allgemein stehen und was die ReadMe-Autoren von ihnen auch halten mögen, aus unseren Betrachtungen ranzuhalten. Aus Designersicht wird sozusagen unvoreingenommen das „gestalterische Machwerk“ begutachtet, demnach gehen wir nach eher rein gestalterischen Gesichtspunkten vor.

Die Plakate der SPD für die anstehenden Wahlen haben wir uns bereits angeschaut, heute widmen wir uns der Wahlwerbung der Grünen.

Der Rahmen
Ganz allgemein ist festzustellen, dass hier recht illustrativ gearbeitet worden ist. Zudem ist ein jedes der hier gezeigten Plakate eindeutig Teil einer Reihe, ganz im Gegensatz zu den jüngst hier besprochenen Plakaten der SPD.

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Drei Plakate der Grünen für den EU-Wahlkampf 2014

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Drei weitere Plakate der Grünen für den EU-Wahlkampf 2014

Der untere grüne Teil der Plakate, nichtsdestoweniger ca. ein Drittel des gesamten Plakates, werden vom Slogan „GRÜN FÜR EIN BESSERES EUROPA“ neben dem Parteilogo und den auszugsweise dargestellten Sternen der Europaflagge auf allen Plakaten dargestellt und bilden somit den Rahmen der Plakatreihe. Das ist eine ebenso gute wie wirkungsvolle Methode, um Zusammengehörigkeit und einen größtmöglichen Wiedererkennungswert herzustellen. Im Rahmen von Wahlkämpfen ist das ein ebenso probates Mittel wie in anderen Werbekampagnen. Auf diese Weise hängt nicht überall das gleiche Plakat, der Werbende steht für mehrere oder gar die verschiedensten Dinge und dennoch stellt sich der Werbende gekonnt zurückhaltend in den Mittelpunkt.

Die Bilder
Auf jedem der sechs hier gezeigten Plakate ist eine andere Fotografie zu sehen. Größtenteils transportieren die Bilder (auch in Verbindung mit den jeweiligen Slogans) positive Eindrücke. Im großen und ganzen werden erfreuliche Bilder mit erfreulichen Aussichten zu negativ besetzten Themen gezeigt. Entsprechend prangert diese Wahlwerbung mit Hilfe ihrer Fotografien (eher) indirekt bestehende Verhältnisse an, etwa „ungerechte“ Tierhaltung. Direkt wird ein positives Gegenmodell gezeigt, nämlich der frei laufende Hahn unter blauem Himmel auf grünen Wiesen.
In dieser Plakatreihe wird mit (fast) jedem Bild der erfolgreiche Versuch unternommen, positive Assoziationen beim Betrachter auszulösen. Die Grünen sprechen uns Wähler also auf der Gefühlsebene an. Wir sehen das glückliche Federvieh oder den eher einladenden Rettungsring im noch viel einladenderen großen Wasser. Schöne Bilder für „bösen“ Themen, das ist hier das gestalterische Herangehen. Es hätten auch Fotos von Auffanglagern mit etwa Flüchtlingen aus Lampedusa gezeigt werden können, mit einem dicken „Nicht mit uns!“ Aber so direkt geht es hier nicht zu  bei den Plakaten der Grünen. Den Wählern wird vielmehr eine mögliche Zukunft gezeigt. Wahrscheinlich sollen sie sich wohl fühlen, einmal an bevorstehende gute Zeiten denken und nicht mit leidvollen und elenden Umständen belästigt werden. Wie gesagt, das wird mit schönen Bildern bewirkt, nicht zu viel Hochglanz, dennoch ästhetisch ansprechend und vor allem mit gesund wirkender Farbsättigung. Unschöne Lebensumstände sind nur äußerst subtil enthalten. So der erwähnte Rettungsring im türkisblauen Nass, der weniger an ertrinkende Menschen als an Badespaß erinnert. Wir könnten an dieser Stelle auch das Urteil fällen, dass die Inhalte ganz schön zynisch daherkommen. Jedoch deuten wir die Idee hinter dem Herangehen der Werber etwas anders. So wie die SPD unserer Meinung nach auf Zurückhaltung setzt, lesen wir aus den diesjährigen Plakaten der Grünen heraus, dass auch sie nicht sonderlich polarisieren wollen. Sie machen das zwar auf andere Weise und nicht ganz so extrem zurückhaltend wie die SPD, aber dennoch. Zudem wurde offenbar ein klassisches Herangehen in der Werbung gewählt – positive Botschaften vermitteln.

Das Plakat mit dem Maisfeld könnte hinsichtlich der gemachten Aussagen etwas eingehender betrachtend werden, doch das Allgemeine ist unserer Meinung nach zur Bildebene gesagt.

Der Text
Kurz und knapp ist hier die Devise und ebenfalls im Gegensatz zu den bisher betrachteten Plakaten der SPD, formulieren die Grünen ihre Aussagen eindeutiger und als Forderungen. Das, wofür der Werbende laut Plakataussage steht, ist immer ein bisschen auffälliger, also größer geschrieben als jener Part, der angeprangert wird. In einem satten Grünton, ein paar Nuancen dunkler als das Grünengrün, und in bodenständigen dicken Lettern sind die Aussagen gestaltet. Zudem wird der Wähler persönlich angesprochen. Zum einen vermittelt das die Sprechblase, die zum Parteilogo führt. Zum anderen wurde ein kursiver Schriftschnitt gewählt, ebenso eine Möglichkeit, wörtliche Rede darzustellen.
Passend zu den (meist) positiv dargestellten Bildinhalten wurden kleine gestalterische Tricks angewendet, eine optimistische Grundhaltung zu verkörpern. Zum Beispiel die nach rechts oben geneigten Linien der Sprechblase, der Schrift und der grünen Farbfläche vermitteln ein leichtes Emporstreben.

Gestalterisch gibt es an dieser Plakatreihe wenig bis hin zu nichts auszusetzen. Das kann man in jedem Fall so machen. Ein harmonisches Gesamtbild wurde geschaffen sowie ein gut funktionierendes Raster. Die Farbkombinationen aller verwendeten Elemente und Ebenen sind ausgewogen und gleichzeitig auffällig, was bei einem Wahlplakat nicht zu unterschätzen ist. Die Plakate werden gleichermaßen einer Nah- wie Fernwirkung gerecht. Aus Gestaltersicht ist das also eine ordentliche Arbeit. Ob ebene diese Arbeit politischen Inhalten gerecht wird oder dem Wesen der werbenden Partei entspricht oder es gar verschleiert, wollen wir ja an dieser Stelle dahingestellt sein lassen.
Nicht verkneifen können wir uns hier jedoch, dass es die Partei der Grünen mit den beschriebenen Plakaten wieder einmal geschafft hat, das grüne Image gekonnt zu verkörpern.

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